Ein diakonisches Leuchtturmprojekt - ein Bericht von Winfried Rottenecker
Seit Mai 2020 gibt es in der römisch-katholischen Kirche St. Peter und Paul ein Café.
Natürlich nicht so ein Café mit Spitzendeckchen, Bedienung, Kuchentheke und „draußen nur Kännchen“. Aber ein Café, in dem man Kaffee oder Tee trinken, ein Brötchen und manchmal auch Kuchen essen kann. Darf das denn sein in einer römisch- katholischen Kirche? Und was soll das? Ist das denn Kirche?
Aber der Reihe nach: Bochum liegt mitten im Ruhrgebiet und mitten in Bochum, nicht weit weg vom Hauptbahnhof, liegt die Propsteikirche St. Peter und Paul. Wenn man hereinkommt, befindet man sich mitten in einer spätgotischen Hallenkirche, die in ihrer jetzigen Form etwa 500 Jahre alt ist. Der Kirchort selbst ist deutlich älter. Die Kirche ist jeden Tag von ca. 8:00 Uhr bis 19:00 Uhr geöffnet und sie ist nie leer. Den ganzen Tag über kommen Menschen in die Kirche. Es kommen Touristen, die die Kunstschätze bewundern möchten, und Menschen, die in der Innenstadt arbeiten und eine kurze Auszeit brauchen. Aus dem St. Elisabeth-Hospital direkt neben der Kirche kommen Patientinnen und Patienten sowie deren Angehörige. Seit den 50er Jahren des letzten Jahrhunderts gibt es zwei Seitenkapellen, die Anbetungskapelle und die Marienkapelle, die beide sehr beliebt sind. Und seit jeher ist die Kirche ein Aufenthaltsort für Obdachlose, Wohnungslose und Bettler, mit denen man sich im Laufe der Zeiten mal mehr, mal weniger gut arrangiert hat.
Der Autor dieser Zeilen wechselte Ende 2019 seine Stelle und kam als Ständiger Diakon im Hauptberuf nach Bochum. Sofort stellt er sich bei möglichst vielen caritativen und sozialen Einrichtungen vor. Schnell lernt er viele engagierte Akteure kennen, die sich den unterschiedlichen caritativen und sozialen Themen der Stadt widmen. Als ein Beispiel sei hier die Bahnhofsmission Bochum genannt, die einen sehr kleinen Raum zwischen der Bahnhofshalle und der Wache der Bundespolizei hat. Im vorderen Bereich des Raumes gibt es eine Eckbank und einen kleinen Tisch, der für vier Personen vorgesehen ist, um den aber acht bis zehn Personen saßen, Kaffee oder Tee tranken und sich über die Themen des Tages austauschten. Manchmal wurden von einer naheliegenden Bäckerei Brötchen von gestern oder sogar Kuchen gespendet.
Doch kaum war die neue Stelle angetreten, kamen Corona und damit der Lockdown.
Von einem Tag auf den anderen war alles zu. Vor allem die Menschen mit dem Lebensmittelpunkt auf der Straße hatten mit einem Mal keinen Ort mehr.
Notschlafstelle, Beratungsstellen und Tagesaufenthalt waren zu. Einkaufspassagen, Bibliotheken, öffentliche Gebäude wie etwa das Rathaus – alle geschlossen. Spielplätze und andere Treffpunkte im Freien waren gesperrt, überall Flatterband. Größere Menschenansammlungen waren verboten. Man durfte sich höchstens mit einer weiteren Person treffen, aber bitte auf Abstand. Bei schönstem Frühlingswetter war
Rilkes „Herbsttag“ allgegenwärtig: „Wer jetzt kein Haus hat, baut sich keines mehr. Wer jetzt allein ist, wird es lange bleiben …“
Aber die Propsteikirche St. Peter und Paul durfte offenbleiben. Unabhängig von den wechselnden Corona-Regeln blieb eine Regel bestehen: Die Kirche ist jeden Tag von ca. 8:00 Uhr bis 19:00 Uhr geöffnet.
Durch den „kurzen Draht“ zwischen der Pfarrei mit ihrem Diakon und der Bahnhofsmission entstand die Idee, den Treffpunkt der Bahnhofsmission in die Marienkapelle zu verlegen. Die Kirchenbänke wurden umgestellt und zu einer Art Theke formiert, Kaffeemaschine und Wasserkocher angeschlossen, eine Beachflag vor die Kirche gestellt und ohne großen Aufwand hatte die Bahnhofsmission eine Zweigstelle in der nahegelegenen Kirche eröffnet.
Anfangs war die Bahnhofsmission werktags wenige Stunden anwesend, doch bald mussten feste Öffnungszeiten festgelegt werden: werktags zwischen 9:00 Uhr und 13:00 Uhr. Jeden Tag kamen ca. 30 bis 40 Personen, die einen Kaffee, Tee, vielleicht ein Brötchen von gestern, aber vor allem ein freundliches Wort suchten. Immer mehr Menschen kamen und sagten: „Wir haben die ganze Woche noch mit keinem Menschen gesprochen.“ Einsamkeit und zwischenmenschliche Kälte waren überall spürbar gegenwärtig. Die Zweigstelle der Bahnhofsmission in der Marienkapelle der Propsteikirche war plötzlich der einzige Ort in Bochum, wo man als Mensch wahrgenommen wurde und einfach nur Mensch sein durfte. Wenn andere Orte geöffnet waren, dann nur für besondere Anliegen, für Kunden, Konsumenten, Kranke. Man musste ein besonderes Anliegen haben, um einen Ort betreten zu dürfen, der nicht das eigene Zuhause ist. Nur die Kirche durfte man auch ohne besonderes Anliegen, ohne besonderen Zweck und ohne besondere Voraussetzungen betreten. Hier durfte ich als Mensch kommen, wurde als Mensch begrüßt und als Mensch behandelt. Was so einfach und selbstverständlich klingt, war mit einem Mal unendlich kostbar geworden.
Sozusagen als Sahnehäubchen kommt in den ersten Wochen des Lockdowns eine junge Frau in die Kirche und sagt, sie sei Harfinistin und könne zuhause nicht üben. Über ein Jahr lang kommt sie einen Tag in der Woche mit ihrer Harfe, spielt zwei Stunden lang in der Kirche oder bei schönem Wetter auf dem Kirchplatz und verbreitet den Klang von einem Stück Himmel auf Erden.
Als die Zeiten der Lockdowns vorüber war, dachten viele, dass damit der Treffpunkt in der Kirche nicht mehr nötig sei, aber der Strom der Leute riss nicht ab. Ganz im Gegenteil, der Überfall Russlands auf die Ukraine kam und damit verbunden steigende Energiepreise. Nach wie vor kommen jeden Tag auf die Zeit von 9:00 Uhr bis 13:00 Uhr verteilt ca. 40 bis 60 Personen ins „Café Himmelreich“.
Was bei den einen großen Anklang fand, war für die anderen von Anfang an ein Horror.
Weil die Kirche aus Gründen des Energiesparens tagsüber nicht beleuchtet war, machten dunkle Gestalten, die in der halbdunklen Kirche saßen, den älteren Damen Angst. Der große Andrang und der Kommunikationsbedarf bei der Bahnhofsmission störten die Stille des Gebets in der Kirche. Findige Menschen, die von der Bahnhofsmission eine Tasse Tee bekommen hatten, hängten die Teebeutel über die ganze Kirche verstreut an die Huthaken der Kirchenbänke, was bei den Gottesdienstbesucherinnen und -besuchern anschließend Ekel verursachte. Überall lagen in der Kirche und um sie herum Pappbecher, Butterbrotpapier, halb verzehrte Brötchen und Krümel herum.
Was also tun? Die Frage wird sehr schnell grundsätzlich: Für wen ist die Kirche da? Und für wen nicht? Wofür ist die Kirche da? Und wofür nicht? Was darf in einer Kirche geschehen und was nicht? Was für eine Kirche wollen wir sein? Wer ist überhaupt Kirche? Mit wem wollen wir Kirche sein?
Alle Beteiligten mussten und müssen viel lernen … Zuerst werden Mehrwegbecher eingeführt und ein Spülsystem installiert. Es muss in den entsprechenden Teilen die Kirche auch tagsüber das Licht eingeschaltet bleiben. Ein festes Regelwerk und ständige Kontrollen mahnen zur Müllvermeidung und zur Verwendung der Abfallkörbe. Inzwischen trennt eine Glaswand die Kapelle von der Kirche. Essen und Trinken ist nur auf der einen Seite der Glaswand gestattet. Die Marienstatue steht jetzt im Kirchenschiff und ist für Betende gut erreichbar. Eine größere Spende war nötig, dass schöne, bunte und robuste Tische und Stühle die Kirchenbänke in der Seitenkapelle ersetzen konnten.
Es gibt feste Zeiten, an denen der Sozialarbeiter der Bahnhofsmission für Beratungsgespräche anwesend ist. So oft wie möglich kommt der Diakon der Pfarrei vorbei und steht für (seelsorgliche) Gespräche zur Verfügung.
Inzwischen ist noch viel mehr dazugekommen: Ehrenamtliche des Vereins „Bochum hilft! e.V.“ spenden regelmäßig ein Mittagessen für die Bedürftigen.
Jeden Dienstag findet in Kooperation mit der Wattenscheider Tafel eine Lebensmittelausgabe für ca. 70 Familien in der Kirche statt.
Zu Weihnachten und zu Ostern gibt es kleine Feste im „Café Himmelreich“.
Im November um St. Martin herum feiern wir „Mantel-Teilen“ und viele Frauen der Caritas- und Elisabeth-Konferenzen aus Bochum und Wattenscheid stricken Socken, Mützen, Schals und Handschuhe für Obdachlose.
Regelmäßig finden in der Kirche Ausstellungen, Vorträge und andere Veranstaltungen zu den Themen Obdachlosigkeit, Ausgrenzung und Benachteiligung statt, zumeist in Kooperation mit lokalen Partnern.
Wenn ein Mensch aus der „Szene“ verstirbt, begehen wir ein angemessenes Totengedenken.
In einer Zeit, in der immer mehr Kirchen schließen oder sich abschotten, ist die Propsteipfarrei St. Peter und Paul in Bochum stolz darauf, dass die Propsteikirche immer offen ist – für alle.
